Raindance lernt Laufen

Nachdem sich Raindance am Euter der Mutter sattgetrunken hatte, nahm sie diese neue Welt näher in Augenschein. Nebst ihnen beiden gab es noch dreizehn weitere Wesen ihrer Gattung um sie herum. Sie sahen alle irgendwie gleich und doch verschieden aus. Einige waren fast ganz weiss, andere schwarz, manche rotweiss oder gar dreifarbig, einige mit grossen Flecken, andere mit kleinen Punkten. Manche hatten ganz lange Hörner, andere recht kurze und das kleinste hatte bloss zwei Stummel auf dem Kopf. Ob sie selber auch welche hatte oder wie diese ausschauten, diese Fragen gingen ihr nicht durch den Sinn. Sie wusste aber, dass sie von nun an zu dieser Herde gehörte. Einer Herde Texas Longhorns.

Doch die Herde blieb nicht bei ihr. Alle bis auf die Mutter zogen langsam in einem breiten Fächer davon, die Mäuler immer nahe am Boden. Es sah aus, als würden sie alle nebeneinanderher gehend den Boden nach etwas absuchen und dabei Kaugeräusche machen. Und so entfernte sich die Herde immer weiter. Einzig die Mutter blieb bei ihr und muhte sanft. Doch Raindance bemerkte, dass die Mutter sehnsüchtig der Herde hinterherblickte. Da bekam auch sie Lust, die Herde einzuholen. Sie strengte sich mächtig an, wollte um jeden Preis auf den Beinen bleiben. Überhaupt: diese Beine waren grossartig! Wenn man es klug anstellte und ein bisschen übte, trugen sie einen überall hin, wo man wollte.

Doch die neue Welt war zwar hell und aufregend, aber auch hinterlistig. Der Boden war nicht zuverlässig. An manchen Stellen war er weich, dann wieder hart, manchmal fanden ihre noch weichen Hüflein guten Halt, dann wiederum versank ihr Fuss in einem Loch und so konnte es passieren, dass Raindance das Gleichgewicht verlor und hinfiel. Ihr ganzer Körper schwankte bei jedem Schritt. Sie schaukelte wie ein Boot hin und her und auf und ab, während sie ihre 24.5 kg Körpergewicht hoch über dem Boden balancierte.



Innerhalb von kürzester Zeit lernte Raindance jedoch nicht nur aufzustehen, sondern auch, ihre langen Beine zu kontrollieren. Sie wusste nicht genau, wie sie es machte, aber von nun an trugen ihre Beine sie immer genau dorthin, wohin sie wollte. Das war meistens in die Richtung, in die sie gerade schaute. Es gab aber auch Ausnahmen. Manchmal waren die Ohren schneller als die Augen. Dann übernahm der Instinkt und ihre Beine rannten von ganz allein los, ohne dass sie überhaupt Zeit gehabt hätte, zuerst über das unbekannte Geräusch nachzudenken. Oder wenn das grosse schwarze Tier sie mit den Hörnern anstiess, dann nahm ihr Rumpf urplötzlich von alleine Fahrt auf und brachte sie ins Straucheln. Dieses Gefühl mochte Raindance nicht besonders. Deshalb ging sie dem grossen Schwarzen und seinen Hörnern von nun an möglichst aus dem Weg.


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